Aus dem Buch " Lob des Waidwerks mit dem Hund" Autor Hermann Huttel, Safari Verlag.
 

   Stropp


   Erdhunde leben gefährlich, das ist ein altes Lied.

                              Niemand weiß das besser als die Erdjäger selber.
 

  

 

 


Wer von der Erdjagd nichts  kennt, weiß nicht, wie erregend sie ist.

Für mich jedenfalls hat es in meinem langen Jägerleben kaum etwas Spannenderes als die Erdjagd gegeben,

und ich habe doch weiß Gott nicht nur auf Fuchs und Dachs, auf Hase und Reh gejagt, sondern so ziemlich auf alles,

was zwischen dem Mittelmeer und dem Eismeer kreucht und fleucht.
 

 

 

  Als ich nach dem ersten Weltkrieg aus französischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt und trotz verschiedener Verwundungen wieder flott auf den Läufen war, begann das Jagdblut der Ahnen mächtig in mir zu rumoren.

Als Sohn einer recht mäßig dotierten Beamtenwitwe konnte ich freilich weder als Student noch als Jäger große Sprünge machen, und die herrlichen Zeiten, da ich als Zwölfjähriger auf nicht ganz koschere Weise meinen ersten Keiler streckte und dafür von unserem braven Gemeindeförster eine Tracht Prügel und für den guten Schuß fünfzig Pfennig Prämie bezog, waren vorüber. Die Reviere waren in fremde Hände übergegangen; aber bei uns war es immerhin so, daß wir einheimischen Jäger - und die konnte man damals in meinem Heimatdorf fast an einer Hand abzählen - freie Jagd auf Raubzeug und Raubwild, vor allem auf Füchse und Dachse, hatten, deren es damals eine ganze Menge bei uns gab.

So ergab es sich ganz von selbst, daß mein erster Jagdhund ein Erdhund war, und zwar ein weißer, glatthaariger Foxterrier mit tan-Kopf und tan-Platten, den ich als acht Wochen alten Welpen von seinem Züchter, dem Gießener Tierarzt Dr. Erb, bei einem gemütlichen Frühschoppen preiswert erstand. Sein Stammbaum-Name lautete Element von Sollten; er war ein Sohn des damals weithin bekannten internationalen Meistersschliefers Vidi von Sollten.

 

 

  Ich aber nannte ihn nicht Element, sondern schlichtweg Stropp.

Das war denn auch der passende Name für ihn; denn er ist sein ganzes Leben lang ein richtiger Stropp geblieben.

Meine Versuche, ihn zu einem manierlichen, vorbildlich auf Pfiff und Wink gehorsamen Rüden abzurichten, scheiterten kläglich.

Stropp hatte viel zuviel Pfeffer unter der Jacke, und damit wurde ich damals noch nicht fertig. Ober gute Leistungen im Apportieren, in der Schweißarbeit und Verlorensuche brachte ich ihn nicht hinaus. Es war wenig genug; aber ich fand mich schließlich damit ab, und zwar um so leichter, als Stropp sich zu einem Erdhund entwickelte, wie es einen besseren weit und breit nicht gab, und der Erdjagd wegen hatte ich ihn mir ja zugelegt.

Die Erdjagd - o ja, das war damals für nicht gerade zimperliche Jäger noch eine erregende, wirklich zünftige Begebenheit! Es gab Waidmänner, die auf einen Bock oder Hirsch nicht versessen waren; aber wenn es Freund Reineke oder Meister Grimbart in ihren Bauen galt, dann gerieten sie in Wallung und waren nicht mehr zu halten. Flugs wurde die Flinte vom Wandhaken herabgelangt, und schon ging es, den Teckel oder Terrier an der Leine, mit Hacke, Spaten, Schaufel und Axt dem bunten Herbstwald entgegen. Hier gab es dann keine gemütliche Pirsch und auch keinen geruhsamen Ansitz, hier gab es, wenn Reineke vor dem Hund aus Malepartus nicht sprang oder es dem dickfelligen Meister Grimmbart galt, harte, mühselige Arbeit. Es war Arbeit, die mit nervenpeitschender Spannung geladen war.

Es geht rund im Bau!

Es war ein grauer Novembertag, als mein Nachbar Hermann Schlicht mit umgehängter Flinte und mit Terri, seinem nicht ganz rassereinen, aber höllisch passionierten schwarzweißen Terrier mal wieder zu mir herüberkam und mich fragte, ob ich Lust hätte, mit auf Dachsjagd zu gehen. Natürlich hatte ich Lust. Und auch Stropp hatte Lust - Stropp, der zu Hause meist völlig apathisch auf seiner Sauschwarte lag und das Bild eines Phlegmatikers bot, der aber augenblicklich in eine tolle Erregung geriet und wie eine Rakete losschoß, sobald er merkte, daß es hinaus ins Revier ging.

 

 

  Auf der Straße wartete schon, die Flinte schräg über dem Rücken, der Schmidt Heine mit Hacke, Spaten und Schaufel. Ich nahm ihm die Schaufel ab, und auf der Dillbrücke gesellte sich uns der Scharfschütze Fritz Esch mit Flinte, Axt und Dachszange bei.

»Na, da seid ihr ja! - Gott grüß' euch!« schüttelte er uns lachend die Hände, und so zogen wir denn zu viert mit den beiden Terriern los.

Es ging Richtung Dianaburg, das der große Nimrod Fürst Ferdinand von Solms-Braunfels während seiner Regierungszeit (1837--1873) auf dem Kesselberg zwischen Lahn und Dill hatte errichten lassen. Bei seinen jagdlichen Streifzügen nahm der Fürst in den mit mächtigen Keilerköpfen und kapitalen Hirschgeweihen behängten Gemächern der Dianaburg immer wieder Aufenthalt und atzte, pokulierte und ruhte sich hier mit seinem Gefolge. Die Zinne des Turmes bietet noch heute einen herrlichen Rundblick auf den Taunus, den Westerwald und das Hinterland. Es versteht sich, daß zum Gefolge des Fürsten auch der begnadete Jagd- und Tiermaler Johannes Deiker gehörte, der sich der besonderen Gunst des Fürsten erfreute und lange Zeit als Hofmaler auf Schloß Braunfels weilte. Hier oben auf dem Kesselberg mag er denn auch zu manch einem seiner großartigen Gemälde inspiriert worden sein.

Halbwegs zur Dianaburg geht es am Kernberg einen steilen Hang hinauf. Oben auf dem Plateau befand sich unter hohen Buchen ein alter Dachsbau. Ihm galt unser jagen an jenem Tag. Viele Worte wurden bei uns nicht gemacht; das war auch nicht nötig, wußte doch ein jeder von uns auch so, was er bei der Baujagd zu tun und zu lassen hatte.

Es war ein ziemlich großer Bau mit gut einem Dutzend Röhren. Da nicht selten auch ein Fuchs in Meister Grimbarts Erdfeste steckt, näherten wir uns nicht ganz dem Bau, sondern verteilten uns lautlos unter Wind in einiger Entfernung davon, nahmen Aufstellung und machten unsere Flinten scharf.

Da wir bei der Baujagd grundsätzlich immer nur einen Hund unter die Erde schickten, wurde zunächst nur Terri als der alterfahrene Veteran angesetzt. Von der Halsung befreit, nahm er an zwei, drei Röhren Witterung und verschwand dann ganz jäh unter dem mit buntem Welklaub bedeckten Boden. Gleich darauf legte der Schmidt-Heine, der ein bißchen näher am Bau stand, die Hand wie einen Schalltrichter hinters Ohr und winkte uns drei anderen Jägern bedeutungsvoll zu, was soviel heißen sollte wie: » Aufgepaßt! Es geht rund im Bau!«

 

 

  Und siehe da, schon nach ein paar wenigen, spannungsgeladenen Minuten schoß ein rotes Bündel wie von einer Sehne geschnellt aus dem Bau hervor, warf sich, weil der Unband von Stropp lauthals an der Leine zerrte, mit wehender Lunte herum, um in der nächstbesten Röhre wieder einzufahren, brach aber wie vom Blitz gefällt in der Schrotgarbe, die Fritz Esdi auf ihn abbrannte, zusammen und lag da, ohne noch den geringsten Rührer zu tun. Schon tauchte Terri wieder auf, schüttelte sich den Lehm aus der Jacke und warf sich über den Rotrock, zauste und beutelte ihn. Da der Bann jetzt gebrochen war und ein weiteres lautloses Verhalten keinen Sinn mehr hatte, näherte ich mich mit dem kaum noch zu bändigenden Stropp dem Bau, um auch ihn ins Treffen zu führen. Um es nicht zu einer Rauferei mit Terri am Fuchs kommen zu lassen, schnallte ich ihn aber erst, als Hermann Schlicht seinen wackeren Rüden angeleint und Fritz Esch den Fuchs beiseite genommen hatte.

Stropp war kein Anfänger mehr. Er hatte da und dort in den Revieren meiner Heimat schon manches Turnier mit Reineke und auch mit Meister Grimbart siegreich bestanden. Furcht kannte er ohnehin nicht; für ihn gab es immer nur die eine Parole:

»Ran! Nur ran!«

So auch jetzt. Kaum hatte ich ihn geschnallt, als er auch schon wie vom Teufel besessen in den Bau schliefte. Es währte nicht lange, da ging es im Inneren des Baues lebhaft hin und her. Es rumorte und es polterte darin an einem Stück. »Dachs?« hob Hermann Schlicht die Brauen. »Nein, dafür geht es zu munter zu dort unten«, sagte Fritz Esch. »Stropp ist gewiß an einen zweiten Fuchs geraten! « »Springen aber wird der Hallodri nicht«, meinte der Schmidt-Heine, »weiß er doch nach dem Schuß auf den ersten Fuchs genau, was ihm hier draußen blüht!«

Trau einem Fuchs! gab Hermann Schlicht zu bedenken. »Die roten Schlawiner haben uns schon oft genug ein Schnippchen geschlagen!« Das waren gewiß keine leeren Worte; denn Reineke hat in der Tat schon manchen Jäger an der Nase herumgeführt. Diesmal aber gab es kein Schnippchensdilagen; diesmal ging es in einer Weise rund im Bau, daß der Fuchs überhaupt nicht zur Besinnung kam.

Giftige Stimmen, wirr und gedämpft, drangen aus der Tiefe herauf. Dann ein jähes Wummern und Dröhnen, immer an derselben Stelle - und da wußten wir, daß Stropp den Rotrock gefaßt hatte und ein erbitterter Kampf dort unten im Gange war.

Mit hämmerndem Herzen lag ich auf dem Boden und lauschte, lauschte. Eine fast lähmende Spannung hatte von mir Besitz ergriffen. Wird Stropp es wohl schaffen? Wird er den Kampf bestehen? - Auch ein Fuchs, wenn es ein alter, gerissener Bursche ist, kann einem Erdhund gefährlich werden.

 

 

  Das Wummern in der Tiefe währte eine ganze 'Weile. Schließlich wurde es still, tiefe Stille. Was hatte das zu bedeuten? Hatte Stropp den Rotrock im Bau tatsächlich -?

Ja, er hatte! ... Er hatte ihm tatsächlich mit geschicktem Kehlgriff den Garaus gemacht, verschnaufte ein Weilchen - so sah ich das mit meinem ineren Auge - und griff wieder zu, um den verendeten Fuchs aus dem Bau zu ziehen.

Ich täuschte mich nicht; denn jetzt hörten wir, sie er ruckte und zerrte, und Wenn ihm die Enge der Röhre hinderlich wurde, dann winselte er  Verbissen und mit Eifer.

Schließlich erschien in der Röhre seine Muskelbepackte Hinterhand, mit der er sich rückwärts stemmte. Ein letztes Zerren und Rucken noch, und dann war das Meisterstück, einen alten Fuchs mitten im Bau abgewürgt und ohne fremde Hilfe aus dem Bau herausbugsiert zu haben, gelungen. Mit fliegenden Rippen und hechelnder Zunge warf er sich erschöpft neben seine Beute. Die roten Kleckse an seinem Kopf und Hals gaben Kunde, daß der Fuchs sein Leben nicht billig hingegeben hatte. Niemand durfte sich dem Rüden nahen, nur ich, sein Herr.

Aus meinem Gctätschel und meinen Lobeshymnen aber machte er sich nichts. Er hatte getan, was seiner Natur entsprach - und damit basta! ... Entschieden mehr hatte er bei unseren Jagdausflügen für leckere Happen aus meinem Rucksack über; aber auch dafür zeigte er, wie er da so abgekämpft neben dem Rotrock lag, nicht das geringste Interesse.

Ob wohl noch ein Dachs im Bau steckt?« fragte Hermann Schlicht.

»Aber gewiß doch!« versicherte Fritz Esch. Wegen Freund Schnialzmann haben wir uns ja auf dem Weg hierher gemacht".«

*Ganz meine Meinung!« bemerkte der Schmidt-Heine beifällig und zwirbelte unternehmungslustig sein Schnurrbärtchen. -Außerdem hab' ich mal wieder mächtigen Appetit auf einen zünftigen Dachsbraten!.

Selbstverständlich grinste Hermann Schlicht und schickte seinen Terri in den Bau.

Terri war eingeschlieft, als wir auch schon -- das Ohr am Boden - dumpfes Wummern und Hundegebell aus der Tiefe des Baues vernahmen.

 

 

  »Terri hat den Dachs jetzt fest!« rief der Schmidt-Heine, und wir anderen waren derselben Meinung.

Also griffen wir, während ein barscher Wind das kahle Gewipfel der hohen Buchen über uns schüttelte, nach Hacke, Spaten und Schaufel. Auch die Axt mußte her; denn während wir uns in die Erde gruben, waren uns immer wieder mehr oder weniger dicke Wurzeln im Weg, die wie dunkle Schlangen durch das Erdreich krochen.

Wir gruben, wir hackten, wir schwitzten. Wir hatten die Jacken ausgezogen, und der kalte Regen, der jetzt einsetzte, wirkte wie eine wohltuende Dusche auf uns.

Zwischendurch verhielten wir und lauschten. Es rumorte noch immer unter uns in der Erde. Terri hatte den Dachs also wirklich fest. So glaubten wir und gruben weiter.

Dann aber, als wir die Wanne schon ziemlich tief in die Erde hineingetrieben hatten und wiederum lauschten, vernahmen wir kein Wummern und auch sonst keinen Laut mehr, auch kein Schlagen des Dachses. Vermuckt, was war das? - Nun, Meister Grimbart hatte wohl gemerkt, daß man ihm von oben immer näher an die Schwarte rückte, hatte der Tapferkeit besseren Teil gewählt und sich verkrümelt.

So sehr wir unsere Ohren auch schärften, es blieb alles still; nichts regte sich mehr in der Erde. Statt dessen tauchte Terri aus dem Bau wieder auf. Aber, o Jammer, wie sah er aus! ... Lehmverschmiert stand er da, das rechte Ohr war zerfetzt, der linke Vorderlauf aufgerissen, und seitlich über dem Fang klaffte eine rote Wunde.

Terri schien nicht den geringsten Schmerz zu verspüren; denn schon versuchte er mit giftigem Hals aufs neue in den Bau zu schliefen. Fritz Esch aber griff ihn noch gerade im letzten Augenblick und versuchte, ihn zu beschwichtigen. »Mach mal Pause, Terri!« redete er auf ihn ein. »Mach mal Pause! - Wir müssen dich zunächst mal ein bißchen mit Jod bepinseln, und dann werden wir weitersehen! Knurr nicht so böse, mein Lieber, und komm schon! Ich meine es gut mit dir - das solltest du doch wissen!« Und so war denn jetzt Stropp wieder an der Reihe. Der hatte sich inzwischen erholt und verschwand, kaum daß ich ihm die Halsung abgestreift hatte, wie ein Irrwisch unter der Erde. Er war nun wieder ganz in seinem Element, und es währte nicht lange, da war er am Dachs. Der Bau wummerte und dröhnte.

 

 

  Der Dachs war dickfelliger als vorhin der Fuchs; er ließ sich nicht so leicht aus der Fassung bringen. Zögernd nur nahm er, wie wir lauschend feststellten, den einen oder anderen Stellungswechsel vor. Schließlich aber hatte ihn Stropp, vermutlich in der Endröhre, fest. An die Gewehre!« rief der Schmidt-Heine, sprang auf und wir anderen mit.

Wir spuckten in die Hände, griffen nach dem Grabzeug und machten uns an, einen neuen Durchschlag in die Erde zu treiben. Die Bäume über uns rauschten im Wind, und ein kalter Regen, mit Hagel gemischt, prasselte auf uns herab. Aber was lag uns daran! Wir befanden uns in einer Spannung, die nicht zu beschreiben ist; wir hackten, wir gruben, wir schaufelten, und wenn Wurzeln im Wege waren, dann flogen unter der Axt die Späne. er deutlicher vernahmen wir zuletzt das wütende Murren des Dachses, während wir auf den Hals des Hundes vergeblich lauschten. -Er wird ihn gepackt haben, den Dachs«, folgerte der Schmidt-Heine, »und -, der Stropp im Fang hat, das läßt er so leicht nicht mehr los!«

Wahrhaftig, als wir mit vorsichtigen Spatenstichen die Kampfröhre freigelegt hatten, entdeckten wir, daß Stropp den Dachs mit sauberem Backengriff gefaßt hatte, dem Griff, welcher neben dem Kehlgriff der beste beim Kampf eines Erdhundes mit Meister Grimbart ist.

Er hält ihn bickelfest, den Schmalzmann!« rief der Schmidt-Heine begeistert

-Ich hab's ja gesagt: - dem Stropp entwischt so leicht nichts, was er zwischen seinen Zähnen hat!«

Da schob uns Fritz Esch beiseite, legte dem Schmalzmann die Dachszange um den Hals und zog ihn mitsamt dem Hund aus der Röhre heraus. Stroop schnaufte, an der Backe des Dachses hängend, noch giftiger jetzt; er klebte, wie der Erdjäger sagt, derart fest, daß es uns nicht möglich war, Gräving in üblicher Weise mit einem kräftigen Stockhieb über die Nase zu töten. Aber der Schmidt-Heine war wieselflink mit seinem alten, stabilen Messer bei der Hand und fing ihn mit einem Stich schräg hinter die Rippen ab. Erst jetzt, als der Dachs in den letzten Zuckungen lag, gab Stropp die Backe des Schmalzmannes frei und machte sich in einem wahren Wonne über ihn her. Er schüttelte und rupfte ihn; sein Atem wolkte, und die Haare flogen.

 

 

  Bei Fritz Esch, der die Bahnhofswirtschaft unseres Heimatdorfes betrieb, heizten wir uns am Ofen wie auch mit etlichen Runden Dauborner auf, und mit Heißhunger machten wir uns über die dampfenden Portionen Fleischwurst her, die Frau Emma eilfertig aufgetischt hatte. Es versteht sich, daß unsere beiden braven Hunde nicht vergessen wurden. Die Hunde, das waren ja unsere Kameraden, und es wurden ihnen keine schäbigen Küchenabfälle, sondern die gleichen Portionen wie uns Jägern zugemessen. Ein trauriger Jäger, der von seinem Hund hohe und höchste Leistungen verlangt und sich selber hinterher den Bauch mit Gesottenem und Gebratenem vollschlägt, während der Hund mit einem abgeschälten Knochen und ein paar Brotkrusten vorlieb nehmen muß. Bei uns galt und gilt der Hund nicht als dienstbare »Sache«, sondern als des Jägers vierläufiger Freund und Kamerad.

Herr Gräwing ist dickfellig!

Man hört und liest immer wieder, daß sich ein Dachs auch von einem noch so scharfen Hund nicht aus seinem Bau sprengen ließe. Hieran ist viel Wahres; denn Herr Gräwing ist ein dickfelliger Bursche und ein wackerer Kämpe, der die Stellung bei weitem nicht so leicht verläßt wie der behendere und entschieden mehr auf seine Sicherheit als auf ein mehr oder weniger wohlerworbenes Wohnrecht bedachte Fuchs.

Bei den vielen Erdjagden, an denen ich teilnahm, habe ich es denn auch in der Tat nur ganz selten erlebt, daß ein Dachs vor einem Hunde sprang. Vielleicht auch war das gar kein echtes Springen, sondern der Dachs hatte sich in der Fluchtröhre vertan, und es war ihm nicht möglich, sich zu verklüften. Meister Grimbart verklüftet sich nämlich gern, das heißt, er scharrt Erde zwischen sich und den Hund und entzieht sich auf diese Weise einer weiteren Belästigung. Zuweilen aber auch scharrt er den Hund, wenn es sich gerade so trifft, in einer Endröhre ein. Dann sitzt der Hund wie in einer Falle, aus der es für ihn je nach den Umständen so leicht kein Entrinnen mehr gibt. Unser Dorfschneider Schmidt, im heimischen Dialekt Schmidts Schneirer genannt, besaß eine Terrier-Hündin, die ein Erdhund ganz großer Klasse war. Zahllose Scharmützel mit Fuchs und Dachs hatte sie siegreich bestanden, bis sie eines Tages aus einem riesigen Dachsbau im Revier Edingen nicht mehr zum Vorschein kam. Auch vernahmen wir kein Rumpeln und kein Kampfgedröhn unter der Erde mehr. Hatte Flora ihren Meister gefunden? War sie tot?

 

 

  Schmidts Smeirer, der nicht nur die Nadel, sondern auch Hacke und Schaufel meisterhaft zu führen verstand, wühlte sich bald hier, bald dort in die Erde, und wir anderen Jäger halfen dabei nach Kräften mit. Immer wieder verhielten wir, wischten uns den Schweiß und lauschten ins Erdreich hinein. Doch es rührte und regte sich nichts mehr im Bau; es herrschte tiefe Grabesstille. Hatte Flora in erbittertem Kampf mit dem Dachs tatsächlich ihr Leben gelassen? Oder hatte sie der Dachs in einer Endröhre zugescharrt, und nun japste sie nach Luft, nachdem sie sich verzweifelt freizuscharren versucht hatte und der Sauerstoff hierbei in dem engen Erdloch immer knapper geworden war?

Unser Rätseln und Raten half nichts, und auch unser Ausschachten und immer weitere Durchgänge führte zu keinem Erfolg. Erdhunde leben gefährlich; das ist ein altes Lied. Niemand weiß das besser als die Erdjäger selber. Die Erdjäger pflegen zwar harte Gesellen zu sein; ihrer keiner aber ist so hart, daß er es gleichmütig hinnimmt, wenn sein tapferer Teckel oder Terrier bei braver, unsagbar schwieriger Arbeit unter der Erde sein Leben läßt. In gedrückter Stimmung traten wir nach Einbruch der Nacht den Heimweg an, der vom Bau bis zu unserem Heimatdorf so zehn, zwölf Kilometer betrug, sprachen nicht viel, und Schmidts Smeirer hielt sich immer ein wenig abseits. Ich glaube, er weinte.

Unsere Hoffnung, daß Flora sich schließlich doch noch ausgraben und uns folgen würde, erfüllte sich nicht. Sie kehrte weder während der Nacht noch am folgenden Tage zurück. Also war es aus und vorbei mit ihr! Nach zahllosen siegreich bestandenen Kämpfen unter der Erde hatte sie ihr Grab in dem großen Dachsbau gefunden!

So glaubten wir und allem Anschein nach wohl auch mit Recht. Dann aber, in der nächsten Nacht, wachte Schmidts Sneirer plötzlich auf. Kratzte es nicht draußen an der Haustür? Barmte da nicht eine kläglich winselnde Stimme? .. . Schmidts Sneirer fuhr hoch, sperrte die Ohren weit auf, da war doch was? Eselsgeschwind schlüpfte er aus dem Bett, knipste das Licht an, flitzte über Flur, öffnete die Haustür - und wahrhaftig, es war Flora, die Totgeglaubte! Ei, du Allmächtiger, sie lebte noch! Sie lebte noch und hatte aus den zwölf Kilometer entfernten Bau allein und mitten in der Nacht heimgefunden! Aber mein Gott, wie sah sie aus! - und blutverschmiert stand sie da: - das linke Ohr bestand nur noch aus blutüberkrusteten Stumpf, der eine Unterkiefer war aufgeschlitzt, der andere zerbrochen, zwei Zähne baumelten aus der klaffenden Wunde.

 

 

  Flora bot ein Bild des Jammers: aber schon nach kurzer Zeit hatte sie der in unserem Heimatdorf ansässige Tierarzt Dr. Koenig, der ein Meister seines Faches war und gern mit uns Jägern den Becher trang, wieder so weit hergestellt, daß Flora zwar mit einem ziemlich zernarbten Kopf, aber mit derselben Bravour wie früher zu Bau fuhr, wenn es dein Dachs oder Freund Reineke galt.

Wer von der Erdjagd nichts - kennt, weiß nicht, wie erregend sie ist. Für mich jedenfalls hat es in meinem langen Jägerleben kaum etwas spannenderes als die Erdjagd gegeben, und ich habe doch weiß Gott nicht nur auf Fuchs und Dachs, auf Hase und Reh gejagt, sondern so ziemlich auf alles, was zwischen dem Mittelmeer und dem Eismeer kreucht und fleucht.

Unter Tag

An einem anderen Tage war Im letzten Treiben auf einen Dachs geschossen wordcn. Ob es nun am Zielwasser oder daran lag, daß die Flinte ihre Launen hatte, vermag ich nicht zu sagen. Kurzum, der sonst recht wackere Schütze beförderte die erste Ladung seines Püsters auf einen Baumstamm, und auch der zweite Hagel warf den Dachs nicht ins Laub. Dieser fuhr vielmehr waidwund zu Bau, mein Stropp hinter ihm her, und nun war guter Rat teuer. Grimbarts Zuflucht nämlich war ein uralter, zerfallener Stollen, der am Fuße eines steilabfallenden Berges zwischen knorrigen Baumwurrzeln und wildem Felsgetrümm schräg in die Tiefe führte. Mit Hacke, Spaten und Schaufel war hier also nichts zu machen. Ratlos standen wir da und stierten in den finsteren Bergschlund, während Stropps giftiger Hals dumpf herausdröhnte und Kunde gab, daß der waldwunde Dachs sich noch wacker wehrte. Es ging mit mir durch ... und mit mir nicht allein, sondern auch mit Jagdfreund Fritz Esch, der in solchen Fällen keine Hemmungen und keine Hindernisse kannte. Auf dem Bauch rutschend schlieften wir einer hinter dem anderen, ein und zwängten uns zwischen feuchtem Stein und modrigem Erdreich immer weiter in den Berg hinab. Es ging schräg nach unten, fünf Meter, acht Meter. zehn Meter; wir keuchten, schwitzten in der stickigen Enge.

Wir gaben nicht auf und näherten uns immer mehr der Stelle, wo Hund Dachs erbittert kämpften. Finsternis umgab uns, die Höhlung dröhnte,

erste Erdfetzen flogen uns entgegen. Ich kramte aus meiner Jacke die Taschenlampe hervor, ließ sie aufblitzen, und wenn wir gehofft hatten, den Dachs hier unten ohne sonderliche Mühe abtun zu können, dann sahen wir uns mächtig enttäuscht. Wir befanden uns in einem regelrechten Kessel, so daß wir beiden Erdjäger leidlich bequem beieinander liegen konnten; aber es war uns wenig damit geholfen, weil von diesem Kessel aus eine Röhre in die linke Stollenseite getrieben war, die sich nach einem knappen Meter, wie sich aber erst später heraus stellte , in zwei Endrohre gabelte. Das eine dieser beiden Endrohre führte schräg in die Tiefe hinab, das andere verlief parallel dem Stollen, und in diesem Endrohr tobte der Kampf.

Der Plan war rasch gemacht. Es galt, noch etwas weiter vorzukriechen und vom Stollen her einen Durchschlag zu machen, um hinter den Dachs zu kommen und ihn aus dem Endrohr in den Kessel zurückzudrücken. Wir wußten, bereits erwähnt, bis dahin noch nicht, daß sich von diesem Endrohr ein ein zweiter abgabelte und steil in die Tiefe führte.

Frohen Mutes kroch ich ins Freie zurück und schickte einen der wenigen Waidgenossen, die nach Einbruch der Dunkelheit noch im Bau zurückgeblieben waren, ins nahe Dorf, um einen kleinen Spaten und eine Karbidlampe zu holen. Leider gab es eine mühselige Plackerei nachher in dem engen Stollen, zumal wir jeden Spatenstich im Liegen ausführten und die Erde unter unseren Leibern her nach hinten karren mußten. Stropp verbellte noch immer, aber merklich matter, den wütend murrenden Dachs. Schließlich stießen wir durch und glaubten, das Spiel sei gewonnen. Fritz Esch heizte, die Laterne in der Hand, mit einer von draußen besorgten Haselgerte den Dachs von hinten ein, während ich vorn im Kessel das Seltenrohr besetzt hielt, um den zurückweichenden Hund abzunehmen und dem nachrückenden Dachs im Schein meiner Taschenlampe mit der Pistole den Fang zu geben. 

Es kam anders, ganz anders. Zwar wurden die Hinterläufe des braven Terriers ins Lichtschein meiner Taschenlampe für einen Augenblick sichthar, sie verschwanden aber sofort wieder, weil Stropp erneut den Dachs zu fassen suchte. Meister Grimbart jedoch murrte und wehrte sich, Stropp klagte kurz, dann ein tolles Gepolter, und gleich darauf - wir trauten unseren Ohren nicht! - wurde der Hund aus einer Röhre laut, mit der wir nicht gerechnet hatten. Es war das vorhin erwähnte Gabelrohr, das von dem Seitengang aus in dieTiefe führte. 

Was nun, uns in das Unvermeidliche fügen, den Hund abzunehmen  und den  Dachs seinem Schicksal überlassen? ... Nein, solange es noch eine Möglichkeit gab,an ihn heranzukommen, gaben wir nicht auf, nicht gefackelt und wcitcrgeschuftet! ... Zunächst gruben wir uns in das Seitenrohr hinein, stießen auf die Rohrgabelung und stellten fest, daß der Hund in einer Tiefe von etwa drei Metern den Dachs festhatte.

Es war eine vertrackte Situation, hingraben ging nicht.

Und so krochen wir denn ins Freie hinaus, um Kriegsrat zu halten und in der frischen Luft ein wenig zu verschnaufen. Es war längst Nacht geworden. Finstere Wolken hingen am Himmel, und es regnete in Strömen. Es wunderte uns also nicht, das auch die letzten Waidgenossen des Wartens müde geworden und zum Schüsscltreiben abgerückt waren.

Nur einer war zurückgeblieben. Als er hörte, wie die Sache stand und daß Fritz Esch und ich mit unserem Latein am Ende waren, klatschte er plötzlich mit den Händen und rief: Ich habe Rat.

Da zeigte er auf den Mühlbach, der ganz nahe vorüberrauschte, und sagte: Wasser!

Schon stürmte er dorfwärts und kam nach kurzer Zeit mit zwei Eimern zurück. Doch so ganz einfach ging das mit dem Wasser  nicht. Es gehörte viel Geschick und eine Mordsgeduld dazu, solch einen Eimer voll Wasser bäuchlings den engen Stollen hinabzubugsieren. Das schier Unmögliche aber gelang; es glückte uns auch, den Seitengang mit dem kleinen Spaten derart abzuschrägen, daß sich das Wasser in einem Sturzbach in das Steilrohr erguß. 

Schon nach den ersten beiden Eimern kam der Hund rücklings aus dem Rohr herauf. Ich nahm ihn ab und leinte ihn draußen im Freien an einem Baum an. Er hatte seine Schuldigkeit getan, der Brave. Ich klopfte ihm den Hals und schliefte mit einem weiteren Eimer voll Wasser wieder ein. Ich weiß nicht mehr, wieviel Eimer voll Wasser wir in das Steilrohr hinabgeschüttet haben; haben; ich entsinne mich aber noch der zwei grünen Seher, die uns plötzlich beinah geistcrhaft aus dem Rohr entgegenfunkelten. Zwei schwarze Branten schoben sich vor, der schwarzweiß gestreifte Kopf des Dachses erschien im grellen Licht der Laterne, und jetzt erlöste ihn eine sichere Kugel von seinen Qualen.

Es war schon Mitternacht, als wir völlig erschöpft und lehmverschmiert mit unserer sauer erkämpften Beute und dem wackeren Terrier im Dorfkrug Einkehr hielten. Unsere Waidgenossen hatten das Schüsseltreiben längst hinter sich: sie saßen in froher Runde und empfingen uns mit kräftigem Waidmannsheil!. und »Ho Rüd' ho!«

Sie wunderten sich nicht wenig über unseren Erfolg, an den keiner von ihnen geglaubt hatte. Wir aber hatten Durst, wir hatten Hunger und fielen wie die Wölfe über den Rest der Erbsensuppe her, den die brave Wirtin für uns gerettet hatte.

Nachdem ich aus beruflichen Gründen nach Westfalen übergesiedelt war, hat Stropp, wie zuvor in der Heimat, so auch im Teutoburger Wald und im Moor manchen harten Strauß unter der Erde mit Fuchs und Dachs siegreich bestanden.

Dann aber fingen seine Augen an, sich zu trüben. Ich sorgte mich sehr um ihn; aber das unerbittliche Schicksal nahm seinen Lauf. Obwohl ich alles unternahm und keine Kosten scheute, erblindete er. Das Gnadenbrot wäre für einen Sprühteufel wie Stropp keine Gnade gewesen. Und so setzte denn ein früher, ein allzu früher Tod seinem Leben ein Ende. Es gab für mich nur den einen Trost, daß dieser Tod leidlos war.